|
Obwohl mein Vater ein durchaus konservativer Mensch war und sehr auf sein
Ansehen achtete, war er gleichzeitig als überzeugter Pädagoge sehr
interessiert daran, seinen Kindern jegliche Betätigung zu ermöglichen, die
ihre Bildung förderte. So kam es, dass unsere Garageneinfahrt in einer sehr
gediegenen Straße unserer Stadt in der jegliche Unordnung peinlich vermieden
wurde, sehr unaufgeräumt war. Diese Unaufgeräumtheit unserer Garageneinfahrt
wurde hervorgerufen durch eine Versammlung sämtlicher Jungen unserer Straße,
die in unserer Garageneinfahrt Seifenkisten bauten. Das Material für die
Seifenkisten lieferte uns der Werkstatt-Keller meines Großvaters, der als
Ingenieur in seiner Werkstatt sein ganzes Leben über Technik-Material
angehäuft hatte und jetzt kurz vor seinem Tod nicht mehr verhindern konnte,
dass seine Enkel dieses Material räuberten.
Während nun die großen Jungen rund um meinen Bruder sehr elegante und
gediegene Seifenkisten bauten - regelrechte Miniaturen von realen
Automobilen - war mir als Nachzügler nicht erlaubt bei den 'Großen'
mitzubauen. Ich baute daher meine eigene Seifenkiste. Und zwar nicht wie die
'Großen' mit elegantem Design und echten Scheiben und großen Rädern, sondern
ganz elementar, auf das nötigste beschränkt, sozusagen eine Abstraktion
eines Autos. Anders als die 'Großen', die darauf achteten, dass die Räder
etwa vorbildgerechte Größe aufwiesen, waren selbst die Räder meiner
Seifenkiste Abstraktion, sie bestanden aus den Kugellagern, die ich in der
Werkstatt meines Opas geräubert hatte. Mit dem Resultat, dass zwar die
Seifenkiste der 'Großen' recht edel und elegant daherkam, jedoch bei der
Erprobung, beim Fahren die kleine Böschung hinab in einer unbelebten
Seitenstraße weit hinter meiner elementaren Seifenkiste zurückblieb.
Dieses Prinzip blieb meine gesamte Jugendzeit erhalten. Als es später
darum ging, Schiffsmodelle zu bauen oder Flugzeugmodelle, stets waren die
Modelle meines Bruders fantastisch anzuschauende Modelle der Wirklichkeit,
meine Modelle jedoch mehr oder weniger Abstraktionen der Wirklichkeit.
Während die Flugzeuge meines Bruders mit Pilotenkanzeln glänzten mit
Pilotpuppen darin, bestand mein Flugzeug-Rumpf aus einem Balsaholzbrett in
Form der Silhuette eines Flugzeugs mit aufgemalter Kanzel, einer Abstraktion eines Flugzeugs also.
Allerdings mit den entsprechenden Konsequenzen in den fliegerischen
Eigenschaften. Während die Flugzeuge meines Bruders recht behäbige
Flugeigenschaften aufwiesen und mehr dem Ansehen dienten, waren meine
Flugzeuge unglaublich agil und für jegliche Flugkunstmanöver und
Flugkunstschau geeignet. Die Erklärung ist einfach: die damaligen 2,5 ccm-Motore waren nicht allzu leistungsfähig. Bei schweren Modellen fielen
Flugmanöver recht behäbig aus, mein leichtes Flugzeug dagegen konnte der
Motor selbst senkrecht in den Himmel katapultieren.
Dies brachte mich relativ früh dazu, mich an gewagtere
Flugzeug-Konstruktionen heranzuwagen, moderne pfeilförmige
Flügelkonstruktionen und Nurflügler. Und diese Nurflügler haben
bekannterweise recht komplizierte Schwerpunktprobleme, die man heute
bekannterweise mit kompletter Computerstabilisierung in den Griff bekommt,
damals jedoch rein mechanisch versuchen musste zu beherrschen. Intensivste
Physik-Kenntnisse waren hier gefragt und da die deutschen Bibliotheken und
Büchereien noch recht verstaubt in den Fünfzigern und Sechzigern waren, war
das Amerikahaus mit seiner fantastischen Auswahl an technischer Literatur
bald mein zweites Zuhause.
Dies brachte mich dann relativ früh dazu, mich komplett der Elektronik
zuzuwenden, da sämtliche mechanische Lösungen Unzulänglichkeiten aufwiesen.
|
|